08/3/2009 (Ein)Gespieltes Team

Die letzten Tage haben wir uns gut ergänzt, der Rektor und ich. Während er über gewichtige Themen wie die historische nahezu Verschrottung der Amtskette, den (Un-)Sinn von Kunst oder etwa über eigene Jugendsünden sinnierte, habe ich mich mit weitaus banalerem beschäftigt. Denn ob meine WG-Suche, die Vorlesung über Giacomo Puccini oder meine Essensgewohnheiten zahlreiche Leser dieses Blogs wirklich zu interessieren vermochten, kann ich nicht eindeutig antworten. Doch gehören sowohl diese Ereignisse wie auch Zahnarzttermine und Theaterproben zum persönlichen Alltag. Darum keine in Klammer erzählten Nebengeschichten oder eine beschönigte Narration der Wochenereignisse. Nur ein ehrlicher Einblick in mein Studentenleben.

Meinem Ziel, den Unialltag anhand eigener Erfahrungen zu skizzieren, ging ich so gut wie möglich nach. Als unabhängiger Student lässt es sich erstaunlich befreit und ungehemmt über die vielen erlebten Impressionen an der Uni erzählen. Als Mann im Rektoratsamt musste mein Blogmitbewohner diese Woche wahrscheinlich mit weitaus mehr Öffentlichkeitsdruck umgehen können als ich. Indessen blieb ich eher auf dem Deck und begab mich nicht oft ins Krähennest oder in die Nähe des Steuerrads unseres 175 jährigen Dampfschiffs.

Dass ich die Beiträge unseres Rektors aufmerksam verfolgte, steht nicht zur Diskussion. Ich unterliess es jedoch stets, mich inhaltlich daran zu orientieren. Einerseits weil der Rektor und ich uns diesen Blog teilten und somit für ein paar Tage eine virtuelle Zweckgemeinschaft hatten. Einen zweiten Grund findet man andererseits in einer Binsenwahrheit. Unsere verschiedenen Tätigkeiten – seien sie auch am gleichen Ort ausgeübt – lassen Welten zwischen uns entstehen. Denn angeblich ist des Studierenden Biers nicht dem Rektors Wein. Anstossen könnte man demnach trotzdem, doch ich gehe dann mal lieber ein paar Körbe werfen und diesmal wieder allein.

Pablo Sulzer
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Pablo Sulzer studiert im 4. Semester Musikwissenschaft in Bern sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Fribourg; er ist Redaktor des StudentInnenmagazins «Unikum».

07/3/2009 Am Steuerrad

In der Sonderbeilage zum 175. Jubiläum der Universität Bern, welche in der BZ, dem Thuner Tagblatt, dem Berner Oberländer, dem Solothurner Tagblatt und dem Bund am 6. März 2009 (also gestern) beigelegt war, finden Sie die hier kopierte Karikatur. Unabhängig davon, dass meine Nase viel zu lang geraten ist, kann diese Zeichnung als ausgezeichnet gelungenes Psychogramm kantonaler Wunschvorstellungen aufgefasst werden.

Interessant ist hier insbesondere, dass das Bild eine absolut lustvolle Freude am Steuern suggeriert, dass allerdings nirgendwo ein Kompass oder eine Seekarte erscheint. Die Richtung, wohin der Fahrt gehen soll, scheint nicht so wichtig zu sein. Auf dem Brienzersee ist das Ufer immer nah und wer in grösseren Gewässern kreuzen will ist selber schuld.

Es ist natürlich absolut legitim, dass sich, wer 270 Millionen Franken pro Jahr in ein Unternehmen investiert, das Recht herausnehmen darf, ab und zu freudvoll ins Steuerrad zu greifen und eine Runde zu drehen. Zu unserem Leidwesen finden das all die andern, welche die restlichen 370 Millionen beisteuern, auch. Insofern könnte man die Karikatur etwas verändern und mehrere glücklich blickende Steuermänner einbauen die – jeder auf seine Weise – am Steuerrad zerren. Das Rektörli sollte man dann an die unterste Sprosse des Steuerrades hängen, damit man nicht sehen kann, wenn es diskret mit dem rechten Fuss am unsichtbaren Kompass dreht.

Vor einigen Jahren hatte ich kurzfristig die Hoffnung, dass all diese «wer zahlt befiehlt»-Manie ein Ende haben könnte und die für eine Universität eigentlich lebenswichtige finanzielle Autonomie in greifbare Nähe gerückt sei. Das war an einem 14. Juli in der französischen Botschaft. Im Verlaufe eines angeregten Gespräches fragte mich der französische Kulturattaché freundlich, was die Grande Nation der Universität Bern denn dieses Jahr schenken dürfe. Spontan habe ich ihm vorgeschlagen – falls das nicht zu viele Umstände machen sollte – doch endlich den Goldschatz zurückzubringen, den Napoleons Truppen 1798 dem Ancien Régime geklaut haben, über die Zinsen könne man verhandeln und ein Drittmittelkonto sei schnell eröffnet.

Es stellte sich heraus, dass mein Gesprächspartner diesen Vorschlag als diplomatischen Affront interpretierte und sowieso, er hätte eigentlich eher an ein paar Bücher in der Sprache Voltaires gedacht. So kann man sich irren.

06/3/2009 Blick in die WG-Zukunft

Meine zukünftige WG, vielleicht habe ich sie heute endlich gefunden. In der Nähe des grossen Gartens, der schönen Burg und des Bärengrabens befindet sich die ersehnte Wohnung. Von Aussen gibt sie zwar nicht viel her. Die Fassade ist nämlich übel zugerichtet, um nicht zu sagen total am verkommen. Zusätzlich erwähnenswert ist, dass sich der Wohnblock nahezu unmittelbar an einer stark befahrenen Kreuzung befindet, an der der Bus Richtung Ostermundigen hörbar beschleunigt. Die Kostenfalle «Stutz pro Wäschekorb» warten ebenso bereits im Keller darauf, mir das letzte Kleingeld abzuknöpfen. Ach ja, wie ich mich freue, auf meine zukünftige WG.

Florenz war das Thema meines heutigen Seminars und mein zukünftiges Exkursionsziel. «Im Grunde ist Florenz heute ein Museum», lautet eine der Aussagen unserer Dozentin über die italienische Stadt. Zwar war sie im 15. und 16. Jahrhundert ein kulturell aufblühendes Handels- und Finanzzentrum, doch dieser Glanz verblasste im darauffolgenden Jahrhundert wieder. Die Pest holte sie ein, das Wirtschaftssystem kollabierte und die wichtigsten Förderer der Blütezeit – die mächtige Dynastie der Medici – verschwand. Als Musikwissenschaftler werde ich mir die Musikgeschichte von Florenz anschauen, dafür ist der geschichtliche Kontext jedoch unumgänglich. Ob die Exkursion im kommenden Sommer nach Florenz genauso entscheidend dafür ist, darüber lässt sich streiten. Doch nicht unbedingt mit mir.

Die Bewerbung für die heute besichtigte Wohnung liegt im Briefkasten. Der Optimismus in mir hat obsiegt, denn abgesehen von den obigen Kleinigkeiten gibt es Vorteile à gogo: die Zimmer sind riesig, der Vermieter nennt sowohl Wohnung als auch die Nachbarn WG-resistent und vor allem bin ich in nur knapp fünf Minuten am YB-Match wie auch an der Bushaltstelle Richtung Universität. Gedanklich bereits eingezogen, liegt der Brief immer noch vor mir im Briefkasten. Es ist noch alles möglich. Denn es dauert noch eine Weile bis YB endlich Meister ist und ich mich aus der Wohnung mich Richtung Uni Bern machen kann.

Pablo Sulzer
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Pablo Sulzer studiert im 4. Semester Musikwissenschaft in Bern sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Fribourg; er ist Redaktor des StudentInnenmagazins «Unikum».

06/3/2009 Fischenz

Häufig wird übersehen, dass die Universität nicht nur rhetorisch sondern auch real in den Regionen verankert ist. Als Beispiel möchte ich Ihnen heute unsere Fischenz, ein Abschnitt der Langeten, der sich von Rohrbach über Kleindietwil, Weinstegen und Madiswil hinzieht, vorstellen.

Es fällt mir schwer hier zuzugeben, dass ich in meiner Kindheit in der Langeten bei Kleindietwil ohne jede Berechtigung gefischt habe. Und zwar ziemlich erfolgreich. Bachforellen gab es seinerzeit noch reichlich und sie waren von ausgezeichneter Qualität! Der fragliche Teil der Langeten ist eine private Fischenz und wie nicht anders zu erwarten, wurde ich eines Tages bei der Ausübung meiner frevelhaften Tätigkeit in flagranti erwischt. Zur Strafe musste ich für einige Zeit die oben abgebildete Fischerhütte reinigen. Dann habe ich die Geschichte vergessen.

Sie mögen sich fragen, was das mit meiner aktuellen Tätigkeit zu tun haben könnte (unabhängig von eventuell auftauchenden Zweifeln an meiner moralischen Qualifikation für das Amt des Rektors). Nun, im Herbst 1996, zu Beginn meiner Amtszeit als Vizerektor der Universität Bern, hatte ich mich mit einem Dossier zu befassen, in dem verschiedene Liegenschaften des Kantons beschrieben waren, welche auf ihre weitere Verwendung überprüft werden sollten. In diesem Dossier begegnete ich der alten Fischerhütte wieder und wurde so schlagartig an dunkle Seiten meiner Vergangenheit erinnert.

Es stellte sich heraus, dass die frühere Besitzerin der Fischenz – die Dame also, die mich damals zum Putzen verdonnerte – diese testamentarisch dem Kanton Bern vermacht hatte. Mit der Auflage, dass die veterinärmedizinische Fakultät den Flussabschnitt zu Forschungszwecken nutzen sollte. Das haben die Veterinäre auch mit grossem Einsatz getan und dabei gleichzeitig ein spezielles Modell des «forschenden Fischers» entwickelt.

Da die Universität in der Zwischenzeit eine eigene Rechtspersönlichkeit erlangt hatte haben wir die Fischenz sofort übernommen. Die Hütte wurde renoviert und die Fischenz auf dem ordentlichen Weg verpachtet. Der kleine Fischer musste seinen Platz definitiv den dazu offiziell berechtigten überlassen. Jetzt wird dort legal gefischt , weiter geforscht und mit dem Pachtzins finanzieren wir die Universität. Womit ich meine Schuld nun wohl endgültig beglichen hätte.

05/3/2009 Schmerz und Spass

Heute endet der Tag mit einem Theater. Ein improvisiertes, abseits der Bühne. Bevor es jedoch soweit ist, muss zuerst das Wesentliche erledigt werden. Es steht ein ärztlicher Termin auf dem Programm, unvermeidbar.

Auf den Zahnarzttermin freue ich mich. Allerdings nur auf den befreienden Moment, an dem meine Zähne wieder wie in der Zahnpastawerbung glänzen und ich die Praxis nach schmerzhaften Minuten wieder verlassen kann. «Keine Karies, der Rest ist auch alles in Ordnung, Herr Sulzer», lautet die erleichternde Diagnose des Zahnarztes. In Zukunft mehr Zahnseide benutzen, auf die Weisheitszähne achten und «mit Rauchen aufhören». Allesamt gute Ratschläge, doch meine To-Do-Liste wird davon nicht kürzer.

Nachdem die Uni heute wegen einer ungewollten, letztlich unvermeidbaren Terminkollision zu kurz kam, geht es am Abend an eine Theaterprobe und ich stehe mittendrin. Als Redaktor des Studimagazins «unikum» bin ich verpflichtet am Improvisationstheater teilzunehmen, das am 21. März an der «unikum Releaseparty 4» im Sous Soul stattfindet. Die Proben finden im Akademikerhaus – kurz aki – statt, gemeinsam mit Mitgliedern der Theatergruppe BEst, eine Truppe von abgebrühten SchauspielerInnen, welche sich trotz unserer Bemühen nicht beeindrucken lassen. Spass macht es trotzdem, denn irrsinnig komische –manchmal auch unfreiwillige – Situationen ergeben sich andauernd. Zugegeben, nicht jede Szene gelingt, doch nicht lustig zu sein hat bekanntlich ebenfalls seine (Lach-)Reize.

Erstaunt bin ich indessen davon, dass anscheinend ebenso bei Wortjongleuren und somit komplette Laien auf der Bühne ein schauspielerisches Talent schlummern kann. Immerhin ansatzweise. Wer nicht glaubt, darf gerne in zwei Wochen im Sous Soul fühlen bzw. sehen kommen.
Pablo Sulzer
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Pablo Sulzer studiert im 4. Semester Musikwissenschaft in Bern sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Fribourg; er ist Redaktor des StudentInnenmagazins «Unikum».

05/3/2009 Die Schuldfrage

Der SMI-IndexAm Montag, 23. Februar 2009, weilte Herr Bundesrat Couchepin zu einem Vortrag an der Universität Bern. Ich habe diesem sehr interessanten Anlass beigewohnt ohne zu ahnen, dass dadurch mein persönliches Wohlbefinden ernsthaft gestört werden sollte. Seit diesem Tag werde ich nämlich von quälenden Schuldgefühlen geplagt. Im Verlauf seiner Ausführungen kam Herr Couchepin aus aktuellem Anlass auch auf die weltweite Finanzmisere zu sprechen. Unvermittelt und ohne jede Vorwarnung zeigte er plötzlich auf mich und rief «ce sont des gens comme vous, monsieur le recteur, des mathématiciens, qui sont responsables de cette crise».

Sie verstehen,
dass in diesem Moment für mich eine Welt zusammenbrach. Wir Mathematiker, die Vertreter der reinsten und abstraktesten aller Wissenschaften, die wir völlig unabhängig von jeder Gier nach materiellen Werten unserer Wissenschaft frönen, sollen nun plötzlich als Sündenböcke der grössten aller Finanzkrisen herhalten. Wüssten Herr Ospel und seine Kollegen um dieses bundesrätliche Verdikt, wäre ihnen sicherlich wohler in ihrer Haut.

Das Schlimme an der Geschichte ist aber, dass Herr Couchpin ja eigentlich in gewisser Hinsicht sogar recht hat. Die von Mathematikern kreierten Modelle sind eben nur so lange harmlos, wie sie von Leuten verwendet werden, welche ihr Potential und vor allem ihre Grenzen verstehen und richtig einschätzen können. Und diese Voraussetzung, das haben wir in der Zwischenzeit begriffen, ist bei den meisten Bankern offensichtlich nicht gegeben.

Unsere Milizsoldaten sind alle am Sturmgewehr bestens ausgebildet, trotzdem gibt es Bestrebungen, all diese Sturmgewehre ins Zeughaus zu verbannen. Obschon die meisten unserer Banker in Mathematik absolut unbedarft sind habe ich bisher noch von keiner Initiative gehört die verlangt, dass die Mathematik, die sie so sorglos verwenden, in der Nationalbank zu deponieren sei. Vielleicht sollten auch Politiker einmal eine Vorlesung in Risikoabschätzung besuchen.

04/3/2009 Zerstreute Bücher

An der Kasse im Supermarkt blicke ich aufs Band und schäme mich ein wenig. Denn mein heutiges Mittags-Studentenfutter ist wahrlich keine gesunde, ausgewogene Mahlzeit: Thonbrötchen, Hörnli-Fertigsalat, einen kleinen Orangensaft, Cola und einen Energie-Drink als Aufputschmittel.

Nicht dass man damit richtig satt werden kann, aber immerhin freut sich mein Portemonnaie darüber, wieder einmal weniger als zehn Franken fürs Mittagessen hinblättern zu müssen. Könnte es sprechen, es würde mir wahrlich nicht für meinen Umgang mit Geld gratulieren. Eher mich daran erinnern, bestens ins weitverbreitete Bild des armen Studenten hinein zu passen.

Am Hirschengraben lasse ich mein wackliges, aus Gratiszeitungen entstandenes Gedankenkonstrukt im weissen Jubiläumstram liegen, um mich gedanklich nüchtern Richtung Universität zu machen. Der Weg dahin ist meist unspektakulär. Er führt über die Schanzenstrasse an Welle und Post vorbei, hinauf ins Länggassquartier. Mein Ziel – das Institut für Musikwissenschaft – befindet sich nicht weit von Hauptgebäude und UniS, in einer bescheidenen altehrwürdigen Villa. Gleichermassen prunklos ist das Interieur samt dem einzigen Vorlesungsraum im ersten Stock.

Die begrenzten Platzmöglichkeiten haben den gesamten Bücherbestand in alle Räume des Hauses zerstreut. Zwar befindet sich die wichtigste Literatur im eigentlichen Bibliotheksraum, doch längst nicht alles. Dies führt oft dazu, dass die Musikstudis im gesamten Institut auf die Suche gehen und sogar das Büro des Professors nach dem gesuchten Material durchstöbern müssen.

In der Vorlesung zu Giacomo Puccinis Oper «Manon Lescaut» lerne ich einen gewissen Antoine-François Prévost d’Exiles kennen, der ein solch schillerndes Leben hatte, wie es ansonsten nur der gewiefteste Filmdrehbuchautor sich ausdenken könnte. Vom Kriegsdeserteur in Frankreich wandelte er sich zum Priester des benediktinischen Ordens, flieht später vor der Kirche nach England, um dort wegen einer Liebesaffäre wieder vertrieben zu werden.

Am Ende wartet der Papst persönlich mit der Vergebung aller seiner Sünden auf ihn. «Die besten Geschichten schreibt die Geschichte», denke ich, während der Professor bereits über Marketing-Methoden eines gewissen Ricordi im 19. Jahrhundert erzählt.

Mein Magen knurrt nach Essbarem, während der Kopf voll von quadratischen Melodien, kontemplativen Ensemblen und sonstigen musiktheoretischen Erkenntnissen ist. Ein letztes Mal erklingt die Oper in den Ohren der Anwesenden, ich verabschiede mich und schreite summend den Weg zum Hirschengraben hinunter.

Pablo Sulzer
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Pablo Sulzer studiert im 4. Semester Musikwissenschaft in Bern sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Fribourg; er ist Redaktor des StudentInnenmagazins «Unikum».

04/3/2009 Die Amtskette

Die Amtskette gehört zum würdevollen Auftritt der Universitätsrektoren an den Dies Academici. Mit Schaudern und Entsetzen erinnern sich die wenigen Eingeweihten daran, dass vor wenigen Jahren die Existenz unserer echt goldenen Amtskette und damit auch die Erhabenheit und Würde der Universität Bern am Rande des Abgrundes – wenn nicht sogar einen Schritt weiter – standen.

Was hatte sich zugetragen? Die Kette liegt (bzw. lag) zwischen den Diei Academici sicher in einem in die Wand eingemauerten Tresor verwahrt. Einmal mehr haben aber unsere Unibauleute zugeschlagen (wann wird eigentlich an dieser Universität nicht gebaut?): Wegen eines Umbaus musste die Wand mit dem Tresor abgebrochen werden.

Der Baumeister ging von der durchaus vernünftigen Annahme aus, dass der Tresor vor Beginn der Bauarbeiten geleert wurde, was infolge einer Verkettung von Missverständnissen leider nicht den Tatsachen entsprach. Die Geschichte nimmt ihren schrecklichen Verlauf: Der Tresor landet auf der Schuttmulde vor dem Hauptgebäude. Die Baustelle ist gut organisiert, die Schuttmulde wird kurze Zeit später abgeführt.

Jetzt erst wird der Irrtum bemerkt. Der Wettlauf um die Zeit beginnt. Bis man die Adresse des Bauschutt-Sortierwerkes ausfindig gemacht hat vergehen wertvolle Minuten. Und dann das Telefon mit den Werksverantwortlichen und deren vernichtende Antwort: Ja, der Bauschutt der Universität wurde eben durch die Schredderanlage gelassen. Eine halbe Stunde später stehen Universitätsvertreter, Bauverantwortliche und Betreiber des Bauschutt-Sortierwerkes vor Ort: Zertrümmert und aufgebrochen ragt der Tresor aus dem Bauschutt.

Auch Blogs können ein Happy-End haben. Die Amtskette der Universität wurde praktisch unversehrt gefunden. Und wenn Sie am Dies Academicus das Gefühl haben, die Kette des Berner Rektors schaue etwas abenteuerlicher drein als die Amtsketten der anderen Rektoren, dann kennen Sie jetzt den Grund.

03/3/2009 Meinungsbildung am WG-Küchentisch

Der Alltag beginnt heute. Zwei Wochen nach Semesterbeginn rollt das Uni-Tram wieder munter dem Sommerstress entgegen. Im Blätterwald der Vorlesungsnotizen kämpfe ich mich durch die Altlasten des vergangenen Semesters durch und archiviere alles mehr oder weniger systematisch in farbigen Ordner.

Um die kommenden Wissensschübe verarbeiten zu können, bedarf es stets neben Interesse und Lernbereitschaft ebenso an Ordnungseifer. Der Anfang dieser Woche bildet somit mein persönliches Ende des letzten Semesters. Das Jubiläum ist zwar in aller Munde, doch beim Studenten (noch) nicht genügend spürbar. Zumindest nicht so, dass einem täglich nach jubilieren zu Mute wäre.

Mein Programm für diese Woche setzt sich aus musik- und medienwissenschaftlichen Themen zusammen. Es wird eine Mischung aus Puccinis Oper «Manon Lescaut», den Methoden zur empirischen Forschung wie auch den neuen Erkenntnissen über die geschichtsträchtige italienische Stadt Florenz. Wo sonst noch die Musik des studentischen Lebens läuft, wird sich im Verlauf der Woche zeigen. Kleinere Anekdoten sowie andächtige Momente meines Studentendaseins werden meine Momentaufnahme des Unialltags bereichernd ergänzen.

Sie fragen sich vielleicht, wie so ein Unialltag denn aussehen kann. Man begibt sich in die Vorlesungsräume, erfährt dies und jenes über das Fach seiner Wahl und kehrt ins vertraute WG-Dasein zurück, wo man zu einem Glas Wein die Theorie zu Praxis ausdiskutiert. Die Gespräche zwischen Kommilitonen stellen sowieso ein gewichtiges Gegenpodium zum alltäglichen Diskussionsgeschehen während den universitären Veranstaltungen dar. Meinungsbildung am Küchentisch, direktes Pendant des bekannten Beizen-Stammtisches.

Man bemerkt das Bemühen, sich der Bevölkerung Berns sowie der gesamten Schweiz zum 175. Jubiläumsjahr der Uni Bern angemessen zu präsentieren. Dabei bedarf es an sich nicht viel. Die Uni der Schweizer Hauptstadt besitzt eine gut gepflegte Vielseitigkeit, ein aktives Studententreiben und auch sonst genügend Argumente, um kompetente und kreative Köpfe ein anregendes Studium zu ermöglichen. Dass mein Studium zu genüge bereichernd und inspirierend ist, möchte ich diese Woche in diesem Blog zu erkennen geben.

Pablo Sulzer
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Pablo Sulzer studiert im 4. Semester Musikwissenschaft in Bern sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Fribourg; er ist Redaktor des StudentInnenmagazins «Unikum».

03/3/2009 Zellenkultur

Die halbe Zelle aus Thorberg vor dem Uni-Hauptgebäude. (Bild zvg)

Kunst ist ein fester Bestandteil jeder Universität. Darüber sind wir uns einig. Das Senatszimmer unserer «Alma Mater» beherbergt beispielsweise eine permanente Kunstausstellung.

Allerdings gebe ich freimütig zu, dass ich mich auch nach Jahren intensiven Bemühens nicht damit abfinden kann, dass ein Betonobjekt, das die Hälfte einer Zelle aus der Strafanstalt Thorberg repräsentiert, direkt vor dem Hauptgebäude der Universität steht (die andere Hälfte befindet sich übrigens in Thorberg selbst, was mich wiederum keineswegs stört).

Es ist eigentlich nicht das Objekt selbst, das mich irritiert, sondern sein Standort und vor allem der damit intendierte Konnex zwischen der Universität und einem Zuchthaus. Diese beiden Zellenhälften sind das Resultat eines Wettbewerbs im Zusammenhang mit «Kunst am Bau» und die Kantonale Kunstkommission suchte seinerzeit verzweifelt einen Abnehmer für den ausserhalb der Strafanstalt zu platzierenden Teil.

Um den aktuellen Standort zu rechtfertigen wurde unter anderem die Nähe zur juristischen Fakultät (die damals noch im Hauptgebäude untergebracht war) betont oder der direkte Blick nach Thorberg. Die Juristen sind in der Zwischenzeit nach UniS umgezogen und das Argument mit der Sicht auf Thorberg scheint mir doch ziemlich abstrakt, muss man sich dabei doch erst den Bantiger wegdenken.

Nun, vielleicht hat die Kunstkommission aus Anlass unseres Jubiläums ein Einsehen und sucht eine neue Bleibe für diese Zellenhälfte. Eventuell würde sich ja das Areal des Obergerichts anbieten, hier wäre mit Sicherheit ein direkter Bezug nicht abzustreiten.

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